Animismus: Lebendige Gegenstände.

„Die Briefmarken kichern. Die Büroklammern näseln. Der Radiergummi macht sich klein. Der Spitzer überlegt sich ein Alibi.“

Zu dieser animistischen Geschichte über das Eigenleben von Dingen, in der Autorin Nessa Altura eine Clique von Büroartikeln perfide Pläne spinnen lässt, passt eine Passage meiner „Forschungsarbeit“ zu kommunikativen Funktionen von Gegenständen, ganz hervorragend als theoretische Sekundärliteratur:

Animismus benennt das Phänomen der Zuschreibung der Attribute „lebendig“ und „beseelt“ auf Dinge der unbelebten Welt. So unterscheidet der Früh­mensch zunächst nicht zwischen toten Dingen und lebenden Wesen; alle Entitäten sind ihm zunächst belebte Unwesen, die er erst durch Namensgebung fassbar macht. Was den Urmenschen gleichgültig lässt, das nimmt er gar nicht erst wahr. Eine Informationsschrift der Überseeischen Missionsgesellschaft beschreibt Animismus als „[…] jede Religion […], die glaubt, dass alle Gegenstände und Lebewesen von Geistern beeinflusst sind und die Geisterwelt im Leben der Menschen und in der Welt aktiv ist. Animismus ist in vielen Stammes- und Naturreligionen vertreten, welche bereits existierten, ehe die großen Weltreligionen […] Einzug hielten.“ (Überseeische Missionsgesellschaft, 2000)

Mauss berichtet in diesem Zusammenhang vom hau, dem „Geist der Sachen“, an den die Maori glauben. Danach rächt sich dieser, wenn jemand einen Gegenstand, den er geschenkt bekommt, weitergibt und dies mit einem anderen Gegenstand bezahlt bekommt, ohne diese zweite Gabe an den Schenker des ersten Gegenstandes weiterzugeben (vgl. Mauss, 1968, 32f). Die im Maori-Recht durch eine Sache gestiftete Bindung bezeichnet Mauss als „Seelen-Bindung, denn die Sache selbst hat eine Seele, ist Seele.“ (ebd. 35)

[…] Demnach verfolgen Dinge scheinbar „eigene“ Absichten, die ihnen, meist entgegen der menschlichen Intentionen, zugeschrieben werden. Albers verweist auf die „Tücke des Objekts“ als „Heimtücke“ fremd und unheimlich gewordener Gegenstände (vgl. Albers, 2003, 7).

[…] Hahn beschreibt den „Mythos vom Aufstand der Dinge“: Bei einer mexikanischen Gruppe herrscht der Mythos, die vertrauten Dinge des Alltag seien plötzlich lebendig geworden. So hätten alltägliche Gebrauchsgegenstände der Indianer dieselben überfallen und attackiert; verewigt wurde dieses Szenario in einem Fries. Dieser diente offensichtlich Erich Kästner zur Vorlage des Romans „Der Aufstand der Dinge“, in dem Gegenstände „streiken“. Kästner übt Kritik am modernen „nur-noch-rationalen“ Umgang mit den Dingen, er meint, die Dinge „in ihrer Art wirklich wahrzunehmen, [brauche] Zeit und Vertrautheit“ mit ihnen (zit. nach Hahn, 2004).

Animismus findet sich auch als bewusst eingesetztes, didaktisches Stilmittel; indem wir Dinge bewusst künstlich „beseelen“, nutzen wir sie als Metapher, wir schaffen eine Übertragung von etwas in etwas anderes. Diese Animismen sind Anthropomorphismen , wenn Gegenständen menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben und sie personifiziert werden. Ein relevantes Beispiel für die Nutzung dieses Mittels ist die Werbung. Dinge werden belebt und mit menschlichen Zügen bestückt, mittels Massenkommunikation wird ein Produkt dem Menschen so als vertrauter Gefährte, Freund, Berater „an die Hand gegeben“.

Foto: Grossi1985 / Pixelio.de

Animismus findet sich auch als bewusst eingesetztes, didaktisches Stilmittel; indem wir Dinge bewusst künstlich „beseelen“, nutzen wir sie als Metapher, wir schaffen eine Übertragung von etwas in etwas anderes. Diese Animismen sind Anthropomorphismen[1], wenn Gegenständen menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben und sie personifiziert werden. Ein relevantes Beispiel für die Nutzung dieses Mittels ist die Werbung. Dinge werden belebt und mit menschlichen Zügen bestückt, mittels Massenkommunikation wird ein Produkt dem Menschen so als vertrauter Gefährte, Freund, Berater „an die Hand gegeben“.


[1] Auch Baudrillard schreibt Gegenständen und Möbeln die Funktion zu, menschliche Beziehungen zu personifizieren und selbst eine Seele zu besitzen (vgl. Baudrillard, 1991, 24).

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